Veröffentlichungen

Ich spiele mit dem Philips-Hue-Lichtsystem

Es war eine der ersten Arduino-Anwendungen, die mir gefiel: http://www.youtube.com/watch?v=0SKvyseD1P8. Sie stammt aus dem Jahr 2007 und zeigt drei LED-Lämpchen in gelb, grün und blau, die von einem Arduino gesteuert werden: Mischt man die LEDs, bekommt man praktisch alle Farben zusammen. Ich kann nur darüber spekulieren, ob diese DIY-Erfindung beim Philips-Hue-Lichtsystem Pate stand, aber so funktioniert auf jeden Fall eine Hue-Glühbirne. Philips hat diese Glühbirne, die in jede normale Lampenfassung reingeschraubt werden kann, noch mit einem Funkchip versehen und vermarktet das Ganze als “Personal Wireless Lighting” für schlappe 200 Euro (Inhalt: drei Hue-Glühbirnen und eine Brücke zum heimischen WLAN). Eine Glühbirne hat 8 Watt bei 600 Lumen, ist also energieverbrauchsarm bei ausreichender Helligkeit. Eine einzelne Birne kostet sittenwidrige 60 Euro. Das System gibt es bereits seit 2012, wird jedoch in Deutschland erst seit kurzem über die Apple-Store-Kette vertrieben.

Letzte Woche ersteigerte ich mir ein Philips Hue Starter Kit für 120 Euro bei einem privaten Ebay-Anbieter, allerdings nur mit zwei Hue-Glühbirnen. Ich lud mir die kostenlose Android-App runter, schraubte die Glühbirnen ein und verband die Brücke mit meinem WLAN-Router. Der Router erkannte die Hue-Brücke sofort, die Brücke erkannte die Hue-Glühbirnen sofort und meine Hue-App bestätigte mir das sofort auf meinem Smartphone: +1

Die App ermöglicht die Steuerung der Funk-Glühbirnen denkbar einfach: Entweder tippe ich mit einem Finger auf einen Farbton innerhalb einer Farbskala in meiner App — und schwups — keine Sekunde später nimmt die Glühbirne genau diese Farbe an, wobei ich auch noch mithilfe eines Schiebereglers die Lichtintensität verändern kann. Oder ich wähle eine “Licht-Szene” aus, dann werden meine Hue-Glühbirnen entsprechend auf ein vordefiniertes Licht-Szenario eingestellt: “Griechenland-Szene”, “Wake up” und so weiter. Ich kann aber auch mit meinem Smartphone Fotos machen und darin Farbbereiche bestimmen, deren Farbwert dann von den Glühbirnen dargestellt werden.

Das Spielen mit der App macht Spaß, auch weil alles so prima einfach zu installieren war, aber erschöpft sich dann doch. Neuer Thrill entsteht durch die Möglichkeit, dass man das heimische Farbsystem auch übers Internet steuern kann. Unter https://www.meethue.com/de-DE/community/scenes findet man zahlreiche weitere Licht-Szenen, die man zur Steuerung seines heimisches Hue-Systems verwenden kann. Das Community-Geschehen auf der Meethue-Webseite kommt steril rüber, aber scheint zu funktionieren; zumindest werden dort täglich neue Licht-Szenen veröffentlicht.
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Für mich richtig spannend wurde es, als ich die Steuerung via IFTTT (https://ifttt.com/channels) kapiert hatte. IFTTT ermöglicht die Programmierung von Schnittstellen zahlreicher Webdienste (Facebook, Instagram, Last.fm, Gmail usw.) ohne Programmierkenntnisse. Entweder greift man auf fertige Community-Rezepte zurück oder man klickt sich durch, bis man das hat, was man haben möchte. In meinem Fall die Kombination von Hue mit Googlemail. Ich “programmierte” mein Hue-Lichtsystem in wenigen Minuten so, dass die Glühlampen zu blinken anfangen, sobald eine E-Mail für mich eintrifft.

Beflügelt von diesen pannearmen Erfahrungen traute ich mich auch in Regionen, die ich ansonsten meide, weil sie mich technisch überfordern: der Developer-Bereich. Unter http://developers.meethue.com/ stellt Philips eine Programmierschnittstelle zur Verfügung, die über ein Browser-Interface angesprochen wird. Das ist alles gut erklärt und es dauerte keine 30 Minuten, da war ich in der Lage, meine Hue-Lämpchen mal als Solisten, mal als Chor auftreten zu lassen, mal seriös aufdimmend, mal hektisch zappelnd.

Und dann gibt es noch zum freien Download ein Software Development Kit für iOS, OS X und Java zur Erstellung eigener Applikationen. Aber davon habe ich die Finger gelassen, das ist zu schwierig für mich.

Das Philips Hue-Lichtsystem ist ein teures Spielzeug, das alle Elemente einer gepflegten Internet-Der-Dinge-Anwendung bereithält. Philips tut einiges dafür, unterschiedliche Zielgruppen zu befriedigen: Das Hue-System bedient den hippen App-Nutzer genauso angemessen wie den ewig vor sich hinwerkelnden Geek, niemand wird zu einer vordefinierten Nutzungsweise gezwungen.

Bei der Spielerei mit Hue habe ich kapiert, dass Licht ein reizvolles passives Informationssystem darstellen kann, das mir Informationen automatisiert mitteilen kann, ohne dass ich mich darauf gesondert konzentrieren muss. Bei mir löste das Philips Hue-Lichtsystem einen Strom an Ideen aus, wie man so ein System sinnvoll nutzen könnte. Das ist bei mir stets ein wichtiger Indikator, ob mir ein Ding gefällt oder nicht:

  • Ein preiswertes Informationssystem für Gehörlose: Wenn es klingelt, blinkt das Licht blau, wenn Anruf, dann…
  • Mein börsensüchtiger Mitbewohner kann beim abendlichen Anblick seiner Hue-Lampe sofort ablesen, ob er an diesem Tag Gewinn oder Verlust gemacht hat und wie viel ungefähr.
  • Ich lass den Mittelwert eines Slides berechnen und beleuchte damit den Raum, in dem ich den Vortrag halte. Das Licht ändert sich bei jedem Slide und unterstützt damit die Aussagen meines Vortrages.
  • Meine momentane Lieblingsidee, an der ich gern weiterpuhlen möchte: Ich kombiniere das Hue-Farbsystem mit einem E-Book-Reader und versehe den Text mit Farb-Meta-Informationen, so dass die heimische Beleuchtung dramaturgischer Bestandteil meines Leseerlebnisses wird.
  • Micropayment: Vom Long Tail zum Small Tail

    Seit letzter Woche habe ich endlich Bitcoins. 2011 probierte ich es das erste Mal und überwies 50 Euro an MtGox, ein Bitcoin stand bei zwei Euro, wenn ich das recht erinnere. Als ich bereits am Folgetag Spam an meine “saubere” E-Mail-Adresse bekam, mit der ich mich bei MtGox angemeldet hatte, wusste ich, dass ich wohl mein Geld vergessen konnte. Ich schrieb ein paar mal an die Betreiber, aber irgendwann buchte ich das Geld als lehrreichen Verlust ab. Bitcoins war für mich als Thema erst einmal durch, auch wenn ich mich in der Folgezeit verstärkt mit dem übergeordneten Thema Micropayment beschäftigte.

    Neue Geschäftsmodelle entstehen
    Es wird zu einer ganzen Palette neuer Geschäftsmodelle führen, so wie Firmen seit Anfang des neuen Jahrtausends entdeckt hatten, dass man mit einem Long Tail-Ansatz ( Wikipedia: Long Tail) im Internet erfolgreich sein kann: Mach dein Geld mit wenig gefragten Produkten, indem du diese vielfach verkaufst.
    Und so ein analoger Effekt, den ich Small Tail nennen möchte, wird zukünftig auch auftreten, indem man Produkte und Dienstleistungen im Cent-Bereich oder in Bruchteilen von Cents anbietet. Dies wird Dienstleistungen und Angebote hervorbringen, die wir uns bisher gar nicht vorstellen können. Einige Modelle drängen sich jedoch bereits jetzt auf:
    * Zeitungs- und Zeitschriftenverlage bekommen endlich Geld für ihre elektronischen Erzeugnisse, wenn sie bereit sind, diese im Cent-Bereich anzubieten. Buchverlage werden ihre Bücher in Kapitel filetieren oder in noch kleinere Informationeneinheiten. Buchpreisbindung ade…
    * Als Belohnungssystem für gesendete Tweets, um daraus beispielsweise einen Sportergebnisdienst für Handball-Ligen bis hinunter zur D-Jugend zu erstellen. Oder ein Belohnungssystem für angeklickte Online-Werbung oder eingesandten QR-Codes von mobilen Werbeplakaten. Oder ein Belohnungssystem für die Zusendung von Fehlern in Büchern.
    * Überall dort, wo die Verrichtung von menschlicher Arbeit preiswerter ist als ein angewandter Algorithmus, dort wird es zu Arbeitsangeboten im Cent-Bereich oder Bruchteilen von Cents kommen. In vielen Fällen wird das die Form von digitalem Flaschenpfandsammeln annehmen; viele Menschen werden am Ende eines arbeitssamen Tages gerade mal 2 Euro zusammengeklickt habe.
    * Als Bezahlsystem für Gefälligkeiten im Alltag: Wenn du mich in deiner Einfahrt parken lässt, dann zahle ich dir fünf Cent dafür pro Stunde, selbstverständlich automatisiert abgerechnet. (Ich vermag aber aktuell nicht einzuschätzen, in welcher Tiefe Micropaymentsysteme unser soziales Leben monetarisieren wird.)

    Wer also zukünftig nach innovativen Geschäftsmodellen sucht, der sollte sich auch die Frage stellen, welche menschlichen Bedürfnissen durch Dienstleistungen und Produkte befriedigt werden können, die besonders wenig kosten. Das ist der Small Tail.

    Egal, ob Bitcoin oder sonst was
    Mir ist recht schnuppe, wie die Währung heisst, mit der ich zukünftig nahezu gebührenfrei 0,1 Cent (genauer: das Äquivalent von 0,1 Cent) überweisen werde. Wichtig ist lediglich, dass es sich dabei um ein Peer-to-Peer-Netz handelt, das auf gegenseitiges Vertrauen basiert. Und dass die Zahlung anonym erfolgen kann, die Transaktion jedoch offen für jeden einsehbar ist. Und dass eine Brücke zur staatlich kontrollierten Währungen (in Form von transparenten Versteigerungsbörsen) existiert, worüber die Wertbildung stattfindet.

    Von transnationalen Konzernen lernen, heisst siegen lernen
    Das Wachsen von Bitcoin wurde stets begleitet von Angstszenarien. Das sei ein Bezahlsystem von und für Terroristen und Rauschgifthändlern oder Geschäfte, die über Bitcoins abgewickelt würden, seien steuerlich als Schwargeldgeschäfte anzusehen. Oder die Gefahr betrogen zu werden. Alles Ängste, an denen etwas dran ist, aber das kommt nicht von dieser Kryptowährung, sondern diese Betrugsmöglichkeiten stecken in allen unseren sozialen Interaktionen.

    Ebay, Amazon und andere transnational agierende Konzerne machen es gerade vor: Sie schaffen De-Facto-Standards, wo nationalen Rechte-Standards nicht mehr greifen. Dabei operieren sie in Sphären, aus denen sich nationale Gesetzgebung verabschiedet hat. Sie fragen nicht mehr nach nationaler Gesetzgebung, sie agieren einfach davon los gelöst in ihrem Interesse.

    Eine Währung auf Peer-To-Peer-Basis wird auch ohne nationalstaatliche Akzeptanz funktionieren, wenn es nur genügend Menschen machen und damit Bedürfnisse befriedigt bekommen. So einfach ist das. Da können noch so viele Terrorismusparagraphen und Schwarzgeldstrafen angedroht werden: Es liegt ganz allein an mir, ob ich dem Deal vertraue oder nicht.

    Über die zukünftige Bedeutung von Micropayment

    Heute ist ein neues Zeitalter für mich angebrochen: Ich habe meine ersten Bitcoins (genauer 0,125 Bitcoin) überwiesen bekommen. Ich steige damit in das Zeitalter des Micropayments ein.

    Und Micropayment wird das Online- und Offline-Alltagsleben vieler Menschen schon bald fundamental beeinflussen.

    * Ich biete als Verlag zukünftig meinen Zeitungsartikel für 6 Cent und mein Buchkapitel für 39 Cent an. Alles praktisch ohne Transfergebühren, die höher sind als der Bezahlbetrag.
    * Ich zahle dir 0,5 Cent für einen Tweet, wenn du twitterst, wann der Bus an deiner Haltestelle war. Daraus baue ich dann ein Trackingsystem für den ÖPNV.
    * Es wird sich ein Klick-Proletariat entwickeln: Menschen, die vor Schrottrechnern sitzen und dümmlichste Dienstleistungen im Internet verrichten und am Ende des Tages sich 2 Eur zusammengeklickt haben.

    Für mich ein leises, virtuelles Geldgeräusch auf dem Smartphone, für die Menschheit ein lautes Glockengeläut… :-)

    “Kostet ja nix” kostet viel

    Wenn an Silvester die Raketen in den Himmel aufsteigen, geht Social Media Marketing (SMM) im deutschsprachigen Buch- und Verlagswesen ins dritte Jahr. Grund genug, darüber nachzudenken, was 2011 an Entwicklungen im Social-Media-Marketing-Bereich wünschenswert und notwendig ist.

    SMM im Unternehmen budgetieren

    Die Initialzündung für die Einführung von Facebook und Twitter im Verlags- oder Buchhandelsumfeld ging stets von engagierten Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern aus, die durch den privaten Gebrauch dieser neuen Medien bereits erkannt hatten, dass Twitter und Co. sich auch fürs Unternehmensmarketing eignen. Geschäftsführungen erkannten dagegen zunächst nicht den Nutzen, ließen sich jedoch aufs Experimentieren damit ein, zumal das Argument “Kostet ja nix” verlockend war. Es dauerte nicht lang, kontinuierlich wuchsen die Follower- und Fanzahlen auf Twitter und Facebook an. Und mancher Geschäftsführer schlug sich selbst für seine (unverdiente) innovative Weitsicht auf die Schulter, wenn die Fangemeinde vierstellig wurde.
    Mittlerweile ist SMM aus der Buchbranche nicht mehr wegzudenken; es hat sich einen festen Stellenwert im Dialog mit dem internet-affinen Kunden erobert. Der Irrglaube, dass das Ganze für lau zu haben ist, hält sich dagegen erstaunlich zäh in vielen Geschäftsführungen. Nur wenige Managerinnen und Manager haben es bisher als ihre Führungsaufgabe angesehen, diese Marketingform angemessen in kommenden Finanzhaushaltsplänen zu budgetieren, denn es “kostet ja nix”…
    Die Budgetierung von Social-Media-Aktivitäten im Haushaltsplan für die kommenden Jahre ist jedoch eine wichtige Weichenstellung, um diese Marktingform aus dem Experimentierstadium ins seriöse Geschäftsgebahren von Buchhandels- und Verlagsfirmen zu überführen. Das systematische Erfassen der Kundenmeinungen durch ihre Tweets und ihre auf Facebook veröffentlichten Meinungen und Haltungen, das Identifizieren von Kundenwünschen und der lebendige Dialog mit Kunden – das kostet Arbeitszeiten und Personalressourcen, die seriöserweise geplant werden müssen, wenn diese Aktivitäten den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern nicht zusätzlich zur normalen Arbeit aufgebürdet werden sollen oder wenn verhindert werden soll, das andere notwendige Arbeiten deswegen wegfallen.

    SMM-Wirkung messen

    Was kostet einen Verlag ein Tweet? Wie viele Buchhandelskunden nehmen einen Adventskalender auf Facebook wahr? Wie viel kostet der neue Follower einen Verlag? Und besonders wichtig: In welchem Verhältnis steht eine SMM-Aktivität zum erfolgten Umsatz? Diese Fragen kann man nur verlässlich beantworten, wenn man Instrumentarien für die Analyse entwickelt. Denn diese stehen schlicht und einfach noch nicht zur Verfügung, sie stecken noch im Experimentierstadium. Auch hier zeigen sich die Folgen von dem “Kostet-ja-nix”-Management. Wenn man nicht weiß, wie viel Arbeitszeit für SMM in einem Verlag oder einer Buchhandlung draufgeht, kann man auch nicht die Kosten in Relation zum gemessenen Nutzen setzen.
    SMM-Unternehmensziele definieren, Reichweiten messen, Kennziffern entwickeln – das sind die Hausaufgaben, die im nächsten Jahr gemacht werden müssen. Dabei kann man sich natürlich aus dem reichhaltigen Methoden- und Kennziffernkoffer des klassischen Marketings und Controllings bedienen. Vieles kann angepasst, nur weniges muss komplett neu entwickelt werden.

    SMM ist Teil des Marketing-Mix

    Social Media Marketing darf nicht an die twitternde Volontärin abgeschoben werden, während das klassische Marketing weiterhin fest in den Händen des Marketingleiters liegt. Vielerorts herrscht leider noch immer die Meinung vor, man müsse im Marketing lediglich ein, maximal zwei Jahre die Augen zumachen, dann sei der SMM-Spuk endlich vorbei und man könne wieder seinen liebgewonnenen, erprobten Marketingaktivitäten nachgehen. Oder man glaubt, Twitter und Facebook würden schon bald von der nächsten Internet-Modewelle abgelöst. Die Aufteilung in klassisches Marketing einerseits und SMM andererseits ist jedoch nur noch historisch zu begründen, es wird niemals mehr ein Zurück geben.
    Der richtige Mix aber macht gutes und erfolgreiches Marketing aus. Die langjährige Buchhandelskundin, die ihren Internetanschluss vor allem zum E-Mail-Download nutzt, wird vermutlich viel besser durch ein im Laden aufgehängtes Plakat zur nächsten Autorenlesung angesprochen als durch einen Tweet oder eine Facebook-Einladung. Die vom Verlag retweetete Meinung eines Autors dagegen wirkt sich vermutlich positiv auf seine Beziehung zum Autor aus.
    So wie es eine Vielfalt von Zielgruppen und Marketing-Zielen gibt, so gibt es auch eine Vielfalt von Marketing-Aktivitäten. Sie müssen verzahnt werden – und nicht in friedlicher Koexistenz nebeneinander her leben. Mit dieser Verzahnung betritt man interessantes Neuland.

    Arbeitnehmergerechte SMM-Arbeitssituationen

    Gutes SMM zeichnet sich dadurch aus, dass die Firmenbotschaft vom Kunden in einem Freundschaftsumfeld wahrgenommen wird. Ein Firmen-Tweet wird – wenn SMM gut gemacht ist – mit der gleichen Emotionalität aufgenommen wie der Tweet von der besten Freundin. Das ist die ganze Crux bei SMM.
    Da es sich bei Twitter und Facebook um Echtzeit-Medien handelt, spielt es eine bedeutsame Rolle, wann eine Facebook-Meldung geschrieben und wann sie gelesen wird. Ein am Montagmorgen um 10 Uhr verschickter Tweet wird vermutlich abends um 19 Uhr, wenn der Follower von seiner Arbeit kommt und seinen Twitter-Account checkt, nicht mehr sonderlich zur Kenntnis genommen. Es zählt nur das Jetzt, der Twitterer scrollt selten in seiner Timeline zurück.
    Um zu erreichen, dass man eher als Freund anstatt als Unternehmen wahrgenommen wird, muss man deshalb dann mit seinen Kunden kommunizieren, wenn die dazu bereit sind – und das ist häufig zu arbeitnehmerunfreundlichen Zeiten.
    Die Wirkungen von SMM-Aktivitäten verpuffen allzu oft , weil sie wie Werbebotschaften im herkömmlichen Sinn dargeboten werden: Wir haben euch etwas zu sagen. SMM hebt genau diese Sender-Empfänger-Beziehung auf, der Kunde kann (und soll aus Firmensicht) auf die Firmenbotschaft reagieren, sei es durch Weiterleiten oder sei es durch direktes Antworten.
    Um diesen komplexen, erweiterten Kommunikationswegen gerecht zu werden, muss man auch kurzfristig auf Kundenmeinungen eingehen können. Auch dies muss dann zwangsläufig häufig zu arbeitnehmerunfreundlichen Zeiten geschehen.
    Firmenentscheider müssen verstehen lernen, dass SMM sein volles Potential nur ausschöpft, wenn es als Echtzeit-Kommunikation umgesetzt wird. Und die Zeit bestimmt der Kunde. Für den twitternden Marketing-Mitarbeiter bedeutet das Twittern um 21 Uhr abends jedoch Arbeit – und keine coole Freizeitbeschäftigung. Diese Arbeit muss bezahlt und in die Arbeitszeitplanung einbezogen werden.

    Planwirtschaft ist machbar, Frau Nachbar

    1.000 kg Kartoffeln >0,65Eur/kg *22.11.09 #Food-Koop” twittert der Dürener Bauer am 1.11.09. Fast zeitgleich schickt auch eine kolumbianische Bananenkooperative einen Tweet: “1.000 kg Bananas >1,23$/kg *24.11.09 #Food-Koop“.

    Früher gab es noch einen kleinen Laden im Dorf, doch der hat mit dem Tod der Besitzerin vor 20 Jahren dicht gemacht. Aber seit sechs Monaten gibt es eine Food-Koop in Vettweiß. Sie wurde von der ehemaligen Grünen Doris Leske-Müllerjan gemeinsam mit der gleichaltrigen evangelischen Pfarrerin des Ortes gegründet. Sie waren es leid, immer die 20 km nach Düren zum Wochenmarkt fahren zu müssen, um gesundes Obst und Gemüse einzukaufen. Doris hatte während ihrer Studienzeit in den 90ern in Köln, wo sie zeitweise in einem besetzten Haus lebte, schon einmal bei einer Food-Koop mitgemacht, die gut funktioniert hatte. Zu Bestzeiten machten dabei über 80 Leute mit. Grundprinzip war, dass jeder monatlich eine gewisse Stundenanzahl, selten mehr als 5 Std/Monat, in der Food-Koop, die im Keller eines besetzten Hauses beheimatet war, arbeiten musste. Entweder Verwaltungs- oder Einräum- oder Transportarbeiten. Jedes Food-Koop-Mitglied hatte einen Schlüssel zum Raum und konnte einkaufen, wann er wollte. Jeder rechnete eigenverantwortlich ab und legte das Geld in eine offene Kasse. Die Food-Koop funktionierte vier Jahre sehr gut, dümpelte dann noch ein Jahr vor sich hin und wurde dann geschlossen, weil in dem Raum ein Info-Laden eingerichtet wurde. Der finanzielle Überschuß von 2.340 DM wurde einer Nicaragua-Brigade mitgegeben, die damit eine Brücke über einen kleinen Fluß im Norden von Nicaragua bauen konnte.

    Daran erinnerte sich Doris, als sie von der Idee einer Food-Börse las, die über Twitter organisiert wird. Sie fand die Idee sofort reizend und fand schnell in der Pfarrerin eine erste Unterstützerin. Die bot an, dass fürs Erste im Keller des evangelischen Kindergartens ein provisorischer Food-Koop-Laden eingerichtet werden könnte. Auf www.food-koop.de fanden sie brauchbare Hinweise, welche ersten Schritte zum Aufbau eines Food-Ladens sinnvoll sind. Zu Beginn mussten zunächst mindestens 10 Mitglieder gefunden werden, die bereit waren, einen Jahresbeitrag von 100 Eur und zehn Stunden ehrenamtliche Arbeit pro Monat einzubringen. Die Pfafferin nutzte geschickt ihre Kontakte zu einer Gruppe von Protestanten in Vettweiß, die regelmäßig gemeinsame Auslandsfahrten organisierte und so konnte man bereits nach zwei Monaten die magische Zahl von 10 engagierten Mitgliedern erreichen.

    Die erste Bestellung, finanziert aus den 1.000 Eur der ersten Mitglieder, war für alle sehr aufregend. Man brauchte zwei Abende, um festzulegen, was bestellt werden sollte. Das führte aber nicht zum Streit, sondern zu einer interessanten Diskussion über Ernährung, Landwirtschaft und transnationale Food-Konzerne. Dann gings aber los! Ihre Bestellliste incl. Bestellmenge gaben sie über ein Browser-Frontend in den Bestell-Pool der Food-Koop ein. Umgehend wurde die Bestellung automatisiert bestätigt und bereits am nächsten Tag erhielten sie eine E-Mail mit den Angaben, wann die gewünschten Produkte eintreffen würden. Klugerweise hatten sie sich zunächst lediglich auf haltbares Obst- und Gemüse sowie haltbare Hülsfrüchte geeinigt. Ärgerlicherweise gab es aktuell keine Kidney-Bohnen, die Wahrscheinlichkeit, dass es in den drei Tagen noch nachgeliefert werden konnte, lag bei lediglich 35 %.

    Für alle überraschend wurde die Food-Koop im Vettweißer Kindergarten bereits nach ein paar Wochen ein voller Erfolg. Zunächst waren es drei Familien aus dem Neubaugebiet (obwohl sie bereits seit 10 Jahren in Vettweiß wohnen, gelten sie noch immer als Neubürger), die mitmachen wollten. Und als Gretchen, die ehemalige Betreiberin der letzten Kneipe im Ort, davon erfuhr und sofort begeistert darüber war, dass sie sich nun nicht mehr die 17 km zum nächsten Lidl von ihrem Schwiegersohn, den sie nicht mochte, fahren lassen musste, sondern wieder zu Fuß einkaufen konnte, da erfuhr es ganz schnell das ganze Dorf — innerhalb von einem viertel Jahr wuchs die Food-Koop auf 35 Miglieder an. Das Sortiment konnte erweitert werden, die monatliche Arbeit auf 8 Std. gesenkt werden.

    Nach einigen Monaten haben sie einen praktikablen Bestellrhythmus gefunden. Viele Produkte lagern auf Waagematten, so dass automatisiert gemeldet wird, wenn der Bestand sich dem Ende zuneigt. Viele Neumitglieder tragen ihre Produktwünsche in Listen ein und geben an, wieviel sie dafür bereit sind zu zahlen. Sie werden immer mutiger und bestellen nun auch Produkte, die schneller verderben können. Die Food-Koop-Bestellsoftware analysiert auch das Bestellverhalten der Vormonate und stellt Rückfragen, wo sinnvoll.

    Die Bestellung geht an einen Food-Koop-Server. Dort werden die Bestellungen gebündelt. Food-Broker beobachten softwaregestützt das Angebot, das über die Erzeuger-Tweets reinkommt. Ist etwas dabei, das interessant ist und gebraucht wird, beteiligt man sich an einer softwaregestützten Versteigerung, wobei der vom Erzeuger genannte Mindestpreis nicht unterschritten werden darf. Eine Stunde nach Versenden des Erzeuger-Tweets ist Auktionsende. Hat der Food-Broker den Zuschlag erhalten, dann sucht er ebenfalls per Versteigerungs-Tweet einen Spediteur. Der Spediteur liefert zu regionalen Knotenpunkten, von da aus werden die Lebensmittel entweder von den lokalen Food-Koop-Betreibern in Eigeninitiative abgeholt oder durch lokale Spediteure, die sich solche Aufträge ebenfalls bei Twitter ersteigern, weiterverteilt. Die Food-Koop-Server sind nicht nur regional und national, sondern auch europäisch und global vernetzt, so dass vor allem die Transportwege effektiv synchronisiert werden können. Die Vernetzung führt auch zu einem internen Zahlungsverkehr und einer Geschäftsrisikominimierung. Rechtlich sind die Food-Koops lokal, regianal und national als genossenschaftliche Vereine (bzw. als NGOs) organisiert.

    Nach einem halben Jahr hat die Food-Koop in Vettweiß nun bereits über 80 Mitglieder, der Beitrag wurde auf 45 Eur und die monatliche Arbeitsleistung auf 4 Std gesenkt. Der Keller des Kindergartens wurde bald zu klein und man entschloß sich, das Haus anzumieten, in dem bis vor 20 Jahren der Lebensmittelladen war — sehr zum Leidwesen der Kindergärtnerin, denn die Kinder hatten großen Spaß an dem Laden im Keller. Und ebenfalls sehr zum Leidwesen des 17 km entfernten Lidls und des 18 km entfernen Aldis.

    Von daher verwunderte es die Food-Koop-Mitglieder auch nicht, als die ersten Prozesse gegen die Food-Koop angestrengt wurden. Formal klagte ein Lidl-Filialleiter aufgrund von angeblichen gewerberechtlichen Verstößen, aber schnell wurde klar, dass die Lidl-Konzernführung nahezu 70 Food-Koops in ganz Deutschland mit einer Prozesswelle überzog. In mehreren Regionalzeitungen erschienen plötzlich Berichte über angebliche Hygieneprobleme in den Food-Koops. Die Schließung einer Food-Koop durch das Gesundheitsamt wurde sogar in den WDR-Regionalnachrichten in einem 1,30 min-Bericht gebracht.

    Seit drei Wochen läuft ein Prozess vor dem Europäischen Gerichtshof, angestrengt vom deutschen Bundeswirtschaftsministerium. Die Food-Koops verstoßen seiner Meinung nach gegen internationale Handelsabkommen und gefährden damit den freien Welthandel.

    (leider alles fiktiv)

    Twitter Lists - die kleine, unauffällige Revolution

    Eine Neuerung in bester Twitter-Tradition: ohne Marketing-Gebrabbel eingeführt, noch ohne exakte Bestimmung, benutzungsfreundlich.

    Wie es funktioniert,ist hier beschrieben und hier und hier .

    Vollkommen zu recht wurde Twitter Lists an prominentester Stelle platziert: neben meine “following” und meine “followers” (die beschissenen Begrifflichkeiten bei Twitter führen häufig bei Einsteigern zur Verwirrung). Mit Twitter Lists wird eine zusätzliche Ordnungs- bzw. Sortier- bzw. Filterfunktion eingeführt. Fast alle Funktionen gab es bisher auch, nun wurden sie in einem neuen, dritten Menüpunkt zusammengefasst.
    Wirklich neu — wenn überhaupt — ist das bequeme Verfolgen von Twitterern, die man gar nicht abonniert haben muss, quasi Followers 2. Grades. Oder 3., 4., 5. Grades, wie man es möchte.

    Die Lists helfen natürlich bei der Sortierung der eigenen Followers, man kann sich damit jede Menge Unterverzeichnisse/Schubladen erstellen und diese bequemer überblicken. Etliche externe Twitter-Client werden zukünftig wieder arbeitslos, weil gerade die bisher das Bedürfnis nach Häufchenbildung befriedigt hatten.

    In den kommenden Wochen und Monaten werden die Sammler unter den Twitteren eine neue Ordnungsebene, eine neue Verzeichnisebene in das Twitterversum einziehen, die dabei hilft, zukünftig leichter in die Twitterwelt einsteigen zu können, weil man nicht nur nach Leuten, sondern auch nach Themen/Tags/Regionen/Gruppen usw. suchen kann. Ich kenne diese Häufchenstrategie aus den Tauschbörsen. Suchte ich noch vor ein paar Jahren nach “Hey Jude”, so lernte ich mit der Zeit, dass ich mit “Beatles - complete Discography” besser bedient wurde. Diese Complete-Discography-Häufchen wurden auch mit der Zeit von anderen Tauschbörsler erst gebildet, sie waren nicht von Beginn an da. Aber einmal in der Online-Welt, sind sie nicht mehr so schnell wegzukriegen.

    Meta-Listen, gebildet aus den Twitter Lists, werden schon bald wie die Pilze aus dem Boden schießen, hier einer der ersten Dienste dazu. Content-Syndication wird ein weiteres Einsatzgebiet für die Listen. Erste Versuche damit kann man sich hier anschauen. Voraussetzung für die Meta-Listen und für die Syndication ist eine offene Twitter Lists API.

    Twitter Lists sind auch eine Art geronnene Hashtags, also einen Ticken stabiler als die mit Hashtags geschaffenen Sende- und Empfangskanäle. Ad-hoc-Kanäle konnte/kann man auch jederzeit mit Hashtags aufbauen und anschauen, aber ihnen haftet immer etwas Flüchtiges an. Lists bekommen die Stellenwert von festen TV-Sende-Knöpfen anstelle des Durchzappens.

    Twitter Lists beschleungien die Twitter-Knotenbildung. Wer bereits Twitter-Platzhirsch bzw. -kuh ist, wird noch mehr Aufmerksamkeit bekomme. Die Domainisierung, die für die neue Ordnungs- und Sortierebene der Twitterwelt schreitet voran. “twitter.com/timoreilly” steht bereis für seriöse, fundierte Tweets. Wer zu den Followern von Tim OReilly gehört, der informiert sich bereist recht bequem über interessante Web- und IT-Trends. Zukünftig wird auch die Sub-Domain twitter.com/timoreilly/Web (und /Perl und /iPhone und /ebook und…) Bedeutung gewinnen — und damit auch der Twitter-Knoten Tim O’Reilly.

    Das kleine, aber feine Feature “public or private” wird dazu führen, dass erstmalig Geschäftsmodelle entstehen, die auf Twitter aufsetzen, und mit denen man reales Geld verdienen kann.

    130k gegen #zensursula

    Als ich 2008 das erste Mal von den Sperrplänen der Bundesfamilienministerin Ursula von der Leyen hörte, dachte ich mir: Ach Gott, sind denn schon wieder Wahlen? Und sofort fielen mir die lächerlichen Zensurversuche von Büssow (führte 2002 umfangreiche Sperrverfügungen gegen Provider in NRW ein - wollte damit für seine SPD-Kandidatur 2002 punkten - verschissen) ein und ich glaubte, das von der Leyen damit lediglich kurzfristige Aufmerksamkeit erreichen wollte. Ihr wird schon bald die technische Sinnlosigkeit von Fachleuten klar gemacht, dachte ich mir…

    Während des 25c3 entwickelte sich die Hauptargumentation gegen die absurden Sperrphantasien der Familienministerin: technisch nutzlos, führt zum Einstieg in eine Internet-Zensurstruktur, Kindermissbrauch bekämpfen - löschen statt sperren. Diese wohl begründente Botschaft wurde in den nächsten Wochen in die elektronischen Postfächer und Ohren der aufgeklärten Bürgerinnen und Bürger getragen. Ich freute mich darüber, dass sich in der Commmunity der aufgeklärten Internetnutzer anerkannter Persönlichkeiten des Themas annahmen und hervorragende Aufklärungsarbeit gegen die Internet-Sperrpläne publizierten. Wer sich mit dem extrem schwierigen Thema “Kindermissbrauch im Internet” ernsthaft beschäftigen wollte, der wurde hier fündig, einfach “internetsperren von der Leyen” gegoogelt. Hervorragende Bildungsarbeit, die mit dem Handwerkszeug der Blogosphäre solide in der Online-Welt verschlagwortet und damit verankert wurde.

    Vom Heimatschutz zum Familienschutz
    Und dann erst kapierte ich: von der Leyen blockt alle Argumente ab, will keine Auseinandersetzung nach demokratischen Spielregeln, grinst nur in die Kameras. Das ist keine kurzfristige Aufmerksamkeitsstrategie, sondern das ist das Programm einer organisierten derb-konservativen Politströmung. Da sind sendungsbewußte Menschen am Werk, da sind Bonsei-Bushs unterwegs: Vom Heimatschutz zum Familienschutz. Familie als Bollwerk gegen das Böse. Das ist das aktuelle Vehikel, um den Abbau von Bürgerrechten zu rechtfertigen, um antidemokratisch zu wirken. Vorgestern RAF, gestern Taliban, heute Kinderporno — die Begründungen wechseln, der Abbau demokratischer Grundrechte bleibt.

    Als #zensursula in Twitter die Laola machte, erreichte die Kommunikation der Internetsperren-Gegner eine neue Qualität. #zensursula wurde für dieses Medium so etwas wie “wir sind das Internet-Volk” — Auf unserer Seite ist die Aufklärung und das Recht! Es wurde eine politische Handlung, einen #zensursula-Tweet zu retweeten. (Früher habe ich leicht beduselt neben einem Matrizengerät Flugblätter durchgezogen, maximal 100 hielten eine Matrize durch, heute retweete ich an einen großen Verteiler mit einem Klick. Das nenn ich technischen Fortschritt. Allerdings hat die Matritze leckerer gerochen.)

    Und immer weiter zogen es die Groß-Koalitionäre durch — begleitet lediglich von schrillen Zwischenepisoden wie die Tauss-Affäre, ominöse Meinungsbefragungen und Stutenbeißereien zwischen von der Leyen und Zypries. Die Diskussionen, die Erkenntnisse der Online-Welt wurde abgeblockt an der Offline-Grenze geblockt. Geballtes und aggregiertes Wissen wurde nicht zur Kenntnis genommen, weder von politischen Entscheidungsträgern noch von den bürgerlichen Medien.

    Die ePetion metrisierte die junge #zensursula-Bewegung. Von Tag zu Tag wuchs die Zahl der Mitunterzeichner gegen die Internetsperren an und zeigte den an ihren Monitoren isolierten Online-Unterzeichnern, dass sie nicht allein waren. Dieser Moment ist für jede Bewegung wichtig: sehen und fühlen, dass man nicht allein ist. Das brachte auch einen sportlichen Pfiff in die Sache, die Zahlen wurden zum Twitter-Morgensport, das Gefühl von “Wir sind viele, die das Spiel hinterschaut haben” wuchs immer weiter an. #phallusfetisch

    Der antidemokratischer Mob lauert schon
    Nichts half, das Ding ist seit gestern durch — abgezockt wurde das Gesetz im Schweinsgalopp durch den parlamentarischen Regelparcour gejagt. Zensurstrukturen werden im Internet installiert. Und der antidemokratische Mob lauert bereits auf den nächsten Amoklauf, auf den nächsten diletantischen Sprengstoffanschlag, auf den nächsten Brandanschlag gegen ein Tierlabor, um die Sperrliste zu erweitern. Eine Sperrliste, die einer demokratischen Kontrolle entzogen wird.

    130k Unterzeichner bleiben. Sie zeigen das Mobilisierungspotential auf, das gegen den weiteren Abbau von Bürgerrechten gewonnen werden kann. Selbstbestimmte, aufgeklärte Bürger im Internet: gut informiert, gut geschult, gut vernetzt. Sie haben innerhalb weniger Monate eine Gegenöffentlichkeit und Netzwerke gegen die Hinterzimmer-Politik der großen Koalition organisiert. Seit etlichen Jahren habe ich nicht mehr so politische Auseinandersetzung erlebt, die in den letzten Tagen viele meiner Online-Bekannten emotional stark berührt hat. Gleichzeitig habe ich Bekannte, denen diese Auseinandersetzung gänzlich am Arsch vorbei geht. Es interessiert sie nicht, was in der Online-Welt passiert.

    In der Diskussion darum, wie es mit dem Widerstand gegen das Gesetz nun weitergeht, setzen viele auf eine Überprüfung durch das Bundesverfassungsgericht. Nur zu. Aber so wenig wie das Ding in der Online-Welt entschieden wird, so wenig wird das Ding in Karlsruhe entschieden. Das Ding wird mitten in dieser Gesellschaft entschieden.

    Das ist der Tweet, den 130k aufgeklärte Multiplikatoren ab heute retweeten müssen: Zensur im Internet richtet sich gegen die gesamte demokratische Gesellschaft. Aufgeklärung und freie Meinungsäußerung statt Zensur.
    (19.6.09)

    Wolfram|Alpha - Hilfe, ein neues Stundengrab

    Am Wochenende ging wolfram|alpha online. Und ich hing sofort auf der Webseite (wolfram|alpha) und wollte es nur kurz ausprobieren - es wurden dann drei Stunden, die ich daran festhing.

    Ein gewöhnungsbedürftiger, mächtiger und zukunftsträchtiger Ansatz, die im Internet vorliegenden Informationen über eine (englischsprachige) umgangssprachliche Abfrageform zu erfassen.

    Ausprobieren!

    Am ehesten klappt es über die umfangreiche Example-Sammlung auf der Webseite, die gewöhnungsbedürftige Frageform zu erlernen.

    Vorschläge, um die Leistungsfähigkeit auszuprobieren:

    - weather $month $day $year $birthplace (deine Daten eintragen) -> und schon wird dir angezeigt, wie das Wetter an dem Tag war, an dem du geboren wurdest
    - 978-3-89721-896-3 -> einerseits -89645, aber auch wird ein Bar-Code erstellt
    - Frankfurter Allgemeine Zeitung vs Süddeutsche Zeitung -> vergleicht die Auflagenhöhe
    - biggest city
    - n-grams “es ist Montag morgen”

    Es gibt viele Situationen, in denen dieser Ansatz (knowledge engine) zeitsparender ist, als über Google zu suchen. Wolfram|Alpha wird sich schnell etablieren und zu einem bedeutsamen Internet-Werkzeug werden.

    Vorsicht! Ein Stundengrab!

    Was geht hier ab in Deutschland?

    Diesen Beitrag habe ich am 30.09.2008 hier veröffentlicht.

    Ich habe zu diesem Zeitpunkt nicht geglaubt, das alles noch viel krasser kommt.

    Was geht hier ab in Deutschland?!

    Geht es um die Fußball-WM, wo wir unsere Fußballnationalmannschaft retten müssen? Wo wir uns so komische schwarz-rot-goldene Girlanden überstreifen und mit Nationalfähnchen winken und wie ein Mann hinter der Mannschaft stehen sollen?

    Nein, es geht darum, dass Banken und andere privat geführte Finanzunternehmen mit Milliardenbeträgen aus Steuermitteln gestützt werden und uns das als Maßnahme verkauft werden soll, als wäre es gut für uns, so als würde die deutsche Fußballnationalmannschaft ein Tor schießen und wir ins Viertelfinale einziehen.

    Nein, hier geht es nicht um “wir”, hier geht es um die Reichen, die bisher steuerbefreite Gewinne unvorstellbaren Ausmasses einfahren konnten und die so gierig waren, dass sie sich verzockt haben. Wie ein Geld-Junkie. Und es geht um die Normalen und nicht Besitzenden, die brav ihre Steuern zahlen und keine unvorstellbaren Gewinne eingefahren haben. Die aber jetzt die Zeche der Geld-Junkies zahlen müssen. Nichts da mit “wir”, nichts da mit “das passiert in unserem Interesse”, nichts da mit “Stützung des nationalen Finanzmarktes”, nichts da mit “alle müssen ihren Beitrag zur Stützung des Finanzwesens leisten”. Es sind Unternehmen in Privatbesitz, es sind Firmen, die reichen und superreichen Familien in Deutschland gehören. Nix da mit “wir”.

    Jahrelang wurden sozialen Forderungen nach Maßnahmen gegen Kinderarmut und gegen faulenden Zähne mit dem Hinweis auf einen ausgeglichenen Haushalt im Jahr 2011 gedeckelt. Und jetzt? Jetzt werden Steuergelder in private Unternehmen gepumpt, um die zu stützen. Wer wird denn da gestützt? Wir hatten nichts davon, dass diese Privatfirmen unvollstellbare Gewinne einfuhren, ihre Gewinne waren stets multinational und steuerfrei, vogelfrei. Was passiert mit dem Geld? Seh ich da was von wieder? Nee.

    Alles wird begründet mit einem ominösen Domino-Effekt. Was passiert denn, wenn HRE vom Markt verschwindet, weil sie sich verzockt haben? Der Domino-Effekt ist nichts als eine These, ein finanzwirtschaftlich umstrittene These. Aber es reicht, um in einer Nacht-und-Nebel-Aktion mal eben 26 Mrd Eur Steuergelder abzupumpen.

    Was geht hier gerade ab in Deutschland?

    Wer wehrt sich gegen die Plünderung unseres Volkseigentums? Warum schweigen die Gewerkschaften dazu? Warum werden keine Montags-, Dienstags und von mir aus auch Freitagsdemonstrationen organisiert? Was pennt die Linke?

    Hier geht gerade was Unglaubliches vor sich. Hier wird das “Fußball-Wir” missbraucht, um reichen Familien die Siebt-Villa in Kroatien zu sichern, die sie vielleicht verlieren würden, weil sie den Hals nicht vollkriegen konnten und immer höhere Risiken mit Aussicht auf noch unvorstellbarere Gewinne einzufahren.

    Es gibt kein “Wir” in der Bankenkrise. “Wir” gibts nur beim Fußball. Jetzt geht es darum, das Geld zu retten, das “wir” so dringend brauchen, um eine solidarische, am Gemeinwohl ausgerichtete Gesellschaft zu erhalten. Mit gesunden Zähnen - und mit einer Breitensportförderungen, auf dass “wir” bei der nächsten WM endlich wieder Weltmeister werden. Dann feier ich gern mit den Reichen gemeinsam.Egal, ob bei mir im Wohnzimmer oder bei denen in der Villa mit Meeresblick. Hauptsache, der Ball liegt im richtigen Tor.

    Die zehn größsten Twitter-Fehler

    1. Inhaltslose Tweets a la “Ich gehe jetzt schlafen…”

    2. Inhaltlose Retweets a la “rt @nichtssager: Ich gehe jetzt schlafen”

    3. Bei Twitter-Einsteigern besonders beliebt: Die Direct-Message-Funktion als Chat-Werkzeug benutzen.

    4. #Jeden #Tweet #mit #Hashtags #überfrachten #und #das #besonders #originell #finden.

    5. Das default-Icon von Twitter verwenden (braun, zwei Kreise, ein Strich)

    6. Jedem followen, der nicht bei Drei auf dem Baum ist.

    7. Nicht zurück followen.

    8. Einen Non-Twitterer von Twitter überzeugen wollen

    9. Zu glauben, man gehöre zu einer Info-Elite, nur weil man täglich ein paar Tweet liest und dann retweetet.

    10. Zu glauben, man wäre noch elitiger, indem man sich überall laut über den Twitter-Hype aufregt.