Planwirtschaft ist machbar, Frau Nachbar
“1.000 kg Kartoffeln >0,65Eur/kg *22.11.09 #Food-Koop” twittert der Dürener Bauer am 1.11.09. Fast zeitgleich schickt auch eine kolumbianische Bananenkooperative einen Tweet: “1.000 kg Bananas >1,23$/kg *24.11.09 #Food-Koop“.
Früher gab es noch einen kleinen Laden im Dorf, doch der hat mit dem Tod der Besitzerin vor 20 Jahren dicht gemacht. Aber seit sechs Monaten gibt es eine Food-Koop in Vettweiß. Sie wurde von der ehemaligen Grünen Doris Leske-Müllerjan gemeinsam mit der gleichaltrigen evangelischen Pfarrerin des Ortes gegründet. Sie waren es leid, immer die 20 km nach Düren zum Wochenmarkt fahren zu müssen, um gesundes Obst und Gemüse einzukaufen. Doris hatte während ihrer Studienzeit in den 90ern in Köln, wo sie zeitweise in einem besetzten Haus lebte, schon einmal bei einer Food-Koop mitgemacht, die gut funktioniert hatte. Zu Bestzeiten machten dabei über 80 Leute mit. Grundprinzip war, dass jeder monatlich eine gewisse Stundenanzahl, selten mehr als 5 Std/Monat, in der Food-Koop, die im Keller eines besetzten Hauses beheimatet war, arbeiten musste. Entweder Verwaltungs- oder Einräum- oder Transportarbeiten. Jedes Food-Koop-Mitglied hatte einen Schlüssel zum Raum und konnte einkaufen, wann er wollte. Jeder rechnete eigenverantwortlich ab und legte das Geld in eine offene Kasse. Die Food-Koop funktionierte vier Jahre sehr gut, dümpelte dann noch ein Jahr vor sich hin und wurde dann geschlossen, weil in dem Raum ein Info-Laden eingerichtet wurde. Der finanzielle Überschuß von 2.340 DM wurde einer Nicaragua-Brigade mitgegeben, die damit eine Brücke über einen kleinen Fluß im Norden von Nicaragua bauen konnte.
Daran erinnerte sich Doris, als sie von der Idee einer Food-Börse las, die über Twitter organisiert wird. Sie fand die Idee sofort reizend und fand schnell in der Pfarrerin eine erste Unterstützerin. Die bot an, dass fürs Erste im Keller des evangelischen Kindergartens ein provisorischer Food-Koop-Laden eingerichtet werden könnte. Auf www.food-koop.de fanden sie brauchbare Hinweise, welche ersten Schritte zum Aufbau eines Food-Ladens sinnvoll sind. Zu Beginn mussten zunächst mindestens 10 Mitglieder gefunden werden, die bereit waren, einen Jahresbeitrag von 100 Eur und zehn Stunden ehrenamtliche Arbeit pro Monat einzubringen. Die Pfafferin nutzte geschickt ihre Kontakte zu einer Gruppe von Protestanten in Vettweiß, die regelmäßig gemeinsame Auslandsfahrten organisierte und so konnte man bereits nach zwei Monaten die magische Zahl von 10 engagierten Mitgliedern erreichen.
Die erste Bestellung, finanziert aus den 1.000 Eur der ersten Mitglieder, war für alle sehr aufregend. Man brauchte zwei Abende, um festzulegen, was bestellt werden sollte. Das führte aber nicht zum Streit, sondern zu einer interessanten Diskussion über Ernährung, Landwirtschaft und transnationale Food-Konzerne. Dann gings aber los! Ihre Bestellliste incl. Bestellmenge gaben sie über ein Browser-Frontend in den Bestell-Pool der Food-Koop ein. Umgehend wurde die Bestellung automatisiert bestätigt und bereits am nächsten Tag erhielten sie eine E-Mail mit den Angaben, wann die gewünschten Produkte eintreffen würden. Klugerweise hatten sie sich zunächst lediglich auf haltbares Obst- und Gemüse sowie haltbare Hülsfrüchte geeinigt. Ärgerlicherweise gab es aktuell keine Kidney-Bohnen, die Wahrscheinlichkeit, dass es in den drei Tagen noch nachgeliefert werden konnte, lag bei lediglich 35 %.
Für alle überraschend wurde die Food-Koop im Vettweißer Kindergarten bereits nach ein paar Wochen ein voller Erfolg. Zunächst waren es drei Familien aus dem Neubaugebiet (obwohl sie bereits seit 10 Jahren in Vettweiß wohnen, gelten sie noch immer als Neubürger), die mitmachen wollten. Und als Gretchen, die ehemalige Betreiberin der letzten Kneipe im Ort, davon erfuhr und sofort begeistert darüber war, dass sie sich nun nicht mehr die 17 km zum nächsten Lidl von ihrem Schwiegersohn, den sie nicht mochte, fahren lassen musste, sondern wieder zu Fuß einkaufen konnte, da erfuhr es ganz schnell das ganze Dorf — innerhalb von einem viertel Jahr wuchs die Food-Koop auf 35 Miglieder an. Das Sortiment konnte erweitert werden, die monatliche Arbeit auf 8 Std. gesenkt werden.
Nach einigen Monaten haben sie einen praktikablen Bestellrhythmus gefunden. Viele Produkte lagern auf Waagematten, so dass automatisiert gemeldet wird, wenn der Bestand sich dem Ende zuneigt. Viele Neumitglieder tragen ihre Produktwünsche in Listen ein und geben an, wieviel sie dafür bereit sind zu zahlen. Sie werden immer mutiger und bestellen nun auch Produkte, die schneller verderben können. Die Food-Koop-Bestellsoftware analysiert auch das Bestellverhalten der Vormonate und stellt Rückfragen, wo sinnvoll.
Die Bestellung geht an einen Food-Koop-Server. Dort werden die Bestellungen gebündelt. Food-Broker beobachten softwaregestützt das Angebot, das über die Erzeuger-Tweets reinkommt. Ist etwas dabei, das interessant ist und gebraucht wird, beteiligt man sich an einer softwaregestützten Versteigerung, wobei der vom Erzeuger genannte Mindestpreis nicht unterschritten werden darf. Eine Stunde nach Versenden des Erzeuger-Tweets ist Auktionsende. Hat der Food-Broker den Zuschlag erhalten, dann sucht er ebenfalls per Versteigerungs-Tweet einen Spediteur. Der Spediteur liefert zu regionalen Knotenpunkten, von da aus werden die Lebensmittel entweder von den lokalen Food-Koop-Betreibern in Eigeninitiative abgeholt oder durch lokale Spediteure, die sich solche Aufträge ebenfalls bei Twitter ersteigern, weiterverteilt. Die Food-Koop-Server sind nicht nur regional und national, sondern auch europäisch und global vernetzt, so dass vor allem die Transportwege effektiv synchronisiert werden können. Die Vernetzung führt auch zu einem internen Zahlungsverkehr und einer Geschäftsrisikominimierung. Rechtlich sind die Food-Koops lokal, regianal und national als genossenschaftliche Vereine (bzw. als NGOs) organisiert.
Nach einem halben Jahr hat die Food-Koop in Vettweiß nun bereits über 80 Mitglieder, der Beitrag wurde auf 45 Eur und die monatliche Arbeitsleistung auf 4 Std gesenkt. Der Keller des Kindergartens wurde bald zu klein und man entschloß sich, das Haus anzumieten, in dem bis vor 20 Jahren der Lebensmittelladen war — sehr zum Leidwesen der Kindergärtnerin, denn die Kinder hatten großen Spaß an dem Laden im Keller. Und ebenfalls sehr zum Leidwesen des 17 km entfernten Lidls und des 18 km entfernen Aldis.
Von daher verwunderte es die Food-Koop-Mitglieder auch nicht, als die ersten Prozesse gegen die Food-Koop angestrengt wurden. Formal klagte ein Lidl-Filialleiter aufgrund von angeblichen gewerberechtlichen Verstößen, aber schnell wurde klar, dass die Lidl-Konzernführung nahezu 70 Food-Koops in ganz Deutschland mit einer Prozesswelle überzog. In mehreren Regionalzeitungen erschienen plötzlich Berichte über angebliche Hygieneprobleme in den Food-Koops. Die Schließung einer Food-Koop durch das Gesundheitsamt wurde sogar in den WDR-Regionalnachrichten in einem 1,30 min-Bericht gebracht.
Seit drei Wochen läuft ein Prozess vor dem Europäischen Gerichtshof, angestrengt vom deutschen Bundeswirtschaftsministerium. Die Food-Koops verstoßen seiner Meinung nach gegen internationale Handelsabkommen und gefährden damit den freien Welthandel.
(leider alles fiktiv)
Du kannst alle Antworten zu diesem Eintrag via RSS 2.0 Feed erfolgen. Kommentare und Pings sind zur Zeit geschlossen.
Kommentieren wurde geschlossen.